Erinnerung an den Schnürlregen der 1970er
Es gibt Wetter, und es gibt den „Schnürlregen“. Dieses Wort, das vor allem in Österreich und Südbayern zu Hause ist, beschreibt kein gewöhnliches Niederschlagsereignis. Es malt ein Bild von feinen, nahtlosen Linien – wie Schnüre –, die den Himmel mit dem Boden verbinden und scheinbar ewig fallen. Wer die 1970er Jahre bewusst erlebt hat, erinnert sich oft mit einer Mischung aus Nostalgie und Grauen an die Augusttage jener Dekade, an denen dieser Regen zur dominierenden Lebensrealität wurde.
Die Atmosphäre der 1970er Jahre
In den 1970ern war das Leben noch etwas langsamer, aber das Wetter diktierte den Takt unerbittlicher als heute. Es gab keine Wetter-Apps, die stündliche Updates lieferten. Man schaute auf den Barometer an der Wohnzimmerwand oder vertraute dem Gefühl in den Knochen. Der Schnürlregen im August jener Jahre war kein kurzer Schauer, der die Hitze brach. Es war ein Dauerzustand.
Berichte und Witterungsdaten aus dieser Zeit, etwa von der ZAMG oder MeteoSchweiz, zeichnen ein Bild von extrem niederschlagsreichen Sommern in bestimmten Regionen. Der August, eigentlich der Monat der Ernte und der letzten Sommerferienwochen, verwandelte sich oft in eine graue Suppe. Der Regen fiel nicht in Tropfen, die man zählen konnte, sondern als geschlossene Wand. Die Luft roch nach nassem Asphalt, abgestandenem Heu und Erde.
Ein Gefühl der Ohnmacht und Gemütlichkeit
Für die Landwirtschaft war der Schnürlregen der 70er oft eine Katastrophe. Das Getreide auf den Feldern konnte nicht gedroschen werden, es drohte zu keimen oder zu schimmeln. Die Erntepläne gerieten ins Wanken, und die Gesichter der Bauern wurden länger. Doch für die Stadtbevölkerung und die Kinder hatte dieses Wetter auch eine eigene, fast schon gemütliche Melancholie.
Es war die Zeit, in der der Sommerurlaub ins Wasser fiel, aber auch die Zeit, in der man gezwungen war, innezuhalten. Man spielte Brettspiele am Küchentisch, hörte Radio, da das Fernsehen oft nur ein rauschendes Programm bot, oder starrte aus dem Fenster, während die „Schnüre“ prasselten. Es gab kein „schnell mal rausgehen“. Der Regen definierte den Radius des Tages.
Warum es sich so anfühlte
Klimatologisch betrachtet waren die 1970er Jahre eine Übergangsphase. Es war noch vor der drastischen Erwärmung, die wir heute erleben, aber die Wettermuster konnten extrem blockierend sein. Tiefdruckgebiete blieben oft wochenlang über den Alpen liegen und saugten feuchte Luftmassen an, die sich als ergiebiger Dauerregen entluden. Der Begriff „Schnürlregen“ passt hier perfekt: Es war kein Guss, kein Gewitter, kein Hagel. Es war ein gleichmäßiges, monotones Rauschen, das die Zeit zu dehnen schien.
Heute, in Zeiten von Klimawandel und extremen Wetterereignissen wie Starkregenfluten, wirkt der harmlose, aber endlose Schnürlregen der 70er fast schon friedlich. Er war lästig, er war kalt, aber er war selten zerstörerisch im heutigen Ausmaß. Er war einfach da. Wie eine graue Decke, die sich über den August legte und uns lehrte, dass man manche Dinge – wie das Wetter – einfach hinnehmen muss, bis sie von selbst aufhören.
Vielleicht vermissen wir heute sogar ein wenig diese Beständigkeit des Unwetters. Denn im Gegensatz zu den unberechenbaren Stürmen von heute, wusste man beim Schnürlregen wenigstens eines genau: Es wird heute nichts mehr trocken.